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Reformation > Dr. Martin Luther - Sein Leben und Wirken

Die Schwärmer in Wittenberg und der Aufstand der Bauern.

Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen! Allein sehet zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.

Galater 5,13

Was war in der schnell bekannt gewordenen Stadt Wittenberg, in Abwesenheit Luthers geschehen? Das, wovor der Apostel in Galater 5,13 warnt. Man hatte evangelische Freiheit missbraucht und dem Fleisch Raum gegeben. Als Luther fort war hatten sich der unweise Professor Karlstadt (vgl. die Leipziger Disputation im Kapitel „Römische Nachstellungen. Cajetan. Miltitz.“) und ein feuriger aber unbesonnener Ordensbruder Luthers, Gabriel Zwilling, an die Spitze gestellt. Luther hatte bisher einzig und allein das Wort Gottes gelehrt, gegen seine Widersacher verteidigt und vorerst durch Wort und Schrift überall evangelische Erkenntnis zu verbreiten gesucht, hatte aber die papistischen Gebräuche und Ordnungen noch stehen gelassen. Was an ihnen falsch und schriftwidrig sei, würde von selbst fallen, wenn erst der Geist des Evangeliums die Herzen erfüllt hatte, so meinte er ganz richtig. Karlstadt und seine Anhänger aber wollten diese Ordnungen mit Gewalt von Grund auf ausrotten. Sie führten das Abendmahl in beiderlei Gestalt ein. Das war durchaus gut, verwerflich dabei war aber, dass sie die Leute mit Gewalt dazu zwingen wollten und die Messe, wo sie noch gehalten wurde, mit wüstem Tumult störten. Die Mönche traten aus den Klöstern aus. Das war auch nicht zu verwerfen, aber manche taten dies noch mit schlechtem Gewissen wegen ihres Gelübdes und versuchten auch andere mit Zwang aus den Klöstern zu treiben. Mit den Heiligenbildern und Kruzifixen in den Kirchen war sehr viel Missbrauch getrieben worden. Darum wollte Karlstadt alle zerstören, weil im Gesetz Moses steht: „Du sollst dir kein Bildnis machen!“ (2. Mose 20,4 und 5. Mose 5,8) So zerstörte man Altäre, Kruzifixe, Bilder, zerriss Messgewänder der Geistlichen und wollte überhaupt kein besonderes Predigtamt oder geistlichen Stand mehr zulassen. Das Werk der Reformation drohte auszuarten in einen wilden Umsturz aller Ordnungen.

Luther dämpft den Bildersturm (1522)
Luther dämpft den Bildersturm (1522)

Dazu kamen aus Zwickau gefährliche, schwärmerische Menschen, die behaupteten Propheten zu sein, mit Gott in besonderem Kontakt zu stehen und neue Offenbarungen von ihm zu empfangen. In Zwickau hatten sie schon viel Unruhe und Unordnung angerichtet, waren aber vom Rat der Stadt vertrieben worden. Der radikalste war der Prediger Thomas Münzer. Der kam nach einer Wanderung durch viele Orte nach Allstedt in Thüringen. Drei andere, die Tuchmacher Nikolaus Storch und Thomas Marx und der frühere Wittenberger Student Marcus Stübner kamen nach Wittenberg und verwirrten durch ihre schwärmerischen Lehren die Gemüter. Die Sakramente, besonders die Kindertaufe, verwarfen sie und das äußere Wort der Schrift achteten sie gering. Das innere Licht, die innere Stimme des Geistes sollten alles tun.

Melanchthon war diesen Geistern gegenüber völlig ratlos. Vergeblich hatte ihn Luther durch Briefe und bei einem heimlichen Besuch in Wittenberg zu stärken versucht. Vergeblich hatte Luther an die Wittenberger appelliert und in der Schrift „Treue Vermahnung an alle Christen, sich vor Aufruhr und Empörung zu hüten“ geschrieben. Ihm machte die Sache den größten Schmerz, er sah in ihr eine List des Teufels, der auf diese Weise das Evangelium durch seine eigenen Anhänger hindern und verächtlich machen wollte. Aber er verlor keinen Augenblick die ruhige Überlegung und das klare, sichere Urteil. Als er erkannte, dass nur seine eigene Anwesenheit in Wittenberg den tollen Sturm beschwichtigen und die Geister wieder zur Besinnung bringen konnte, zögerte er keinen Augenblick, trotz Bann, Acht und Todesgefahr und gegen den Willen seines Kurfürsten sein Versteck zu verlassen und nach Wittenberg zurückzukehren. Der Brief, den er von der Wartburg an seinen Kurfürsten zur Entschuldigung seiner Abreise schrieb, ist ein Zeugnis seines Glaubens: „Ew. k. F. Gnaden wisse, ich komme gen Wittenberg in gar viel einem höheren Schutz des denn Kurfürsten. Ich hab’s auch nicht im Sinn, Ew. k. F. Gnaden Schutz zu begehren. Ja, ich halt‘, ich wollt‘ Ew. K. F. Gnaden mehr schützen, denn sie mich schützen könnte. Dazu, wenn ich wüsste, dass mich Ew. K. F. Gnaden könnte und wollte schützen, wollte ich nicht kommen. Dieser Sache kann noch soll kein Schwert raten oder helfen; Gott muss sie allein schaffen, ohn alles menschliche Sorgen und Zutun. Darum wer am meisten glaubt, wird am meisten schützen.“

Am 1. März 1522 brach Luther von der Wartburg auf. Unterwegs im „Schwarzen Bären“ in Jena hatte er ein interessantes Zusammentreffen mit zwei jungen Schweizern, die ihn nicht kannten und sich mit ihm in ein Gespräch über Luther und die Wittenberger Verhältnisse einließen, weil sie zur Universität in Wittenberg wollten. Heiter konnte er mit ihnen scherzen, obwohl soviel für ihn auf dem Spiel stand. Der eine von ihnen, Johannes Kessler, berichtete später in seiner Chronik über der Schweizer Reformation darüber. Am 6. März, einem Donnerstag, traf er in Wittenberg ein. Gleich am folgenden Tag predigte er vor einer großen Menge an Zuhörern und dies acht Tage nacheinander. Da zeigte er seinen Wittenbergern, dass das Wort Gottes allein alle Dinge im Reich Gottes tun soll und man nicht mit Gewalt dreinfahren darf. Was sie mit der Abschaffung der Messe getan hatten, sei wohl gut, aber die Eile tauge nicht. Man müsse Rücksicht auf die schwachen Gewissen nehmen, die Liebe handele auch in notwendigen Dingen nicht mit Zwang. Außerdem solle man in den Dingen, die da frei sind, wie bei den Bildern, dem Fasten am Freitag und dergleichen Liebe und Geduld walten lassen. Was von den Ordnungen in der Kirche nicht gegen Gottes Wort sei, das solle man ruhig behalten. – So brachte er die Geister zur Ruhe. Die Zwickauer Propheten entlarvte er als Betrüger und sie verließen voller Wut die Stadt. Karlstadt war vorerst still. Später fing bei ihm der Schwarmgeist aber wieder an zu rumoren. Er verließ sein Amt und die Stadt und zog in das thüringische Städtchen Orlamünde. Als er hier wieder das Volk erregte, so dass man Luther sogar mit Flüchen und Steinwürfen empfing, als dieser sie zu christlicher Ordnung ermahnte, musste er das kursächsische Land und Gebiet meiden.

Luther predigt in Seeburg gegen den Bauernkrieg (1525)
Luther predigt in Seeburg gegen den Bauernkrieg (1525)

Noch gefährlicher war die große Bewegung des sogenannten Bauernkrieges. Die Bauern lebten damals unter großem Druck und hatten sich schon vor der Reformation zusammengeschlossen, um ihre Lage zu verbessern und auch hier und da Aufruhr gemacht. Als nun Luther die geistliche Freiheit eines Christenmenschen von allen Menschensatzungen predigte, verstanden sie dies falsch und bezogen die Lehre auf das weltliche, politische Gebiet. Sie erhoben sich zuerst im Schwarzwald und stellten in zwölf Artikeln ihre Beschwerden auf. Luther sollte ihre Forderungen beurteilen. Er fand manches, was sie verlangten nicht verkehrt und ermahnte die Herren, Ritter und Fürsten zu christlicher Milde gegenüber den Bauern, sagte diesen aber auch, dass das Evangelium die Seele aber nicht Leib und Gut frei macht, und jeder Aufruhr unter allen Umständen Sünde sei. Seine Mahnung Frieden zu halten wurde von den Bauern nicht gehört, vor allem weil Thomas Münzer, der sich jetzt in Mühlhausen befand, das Feuer des Aufruhrs schürte. Er griff Luther heftig an und rief das Volk auf nach Moses Befehl, wie er meinte, alle Gottlosen, alle Fürsten und Obrigkeit als Kanaaniter unter dem Volk Gottes totzuschlagen. Brandschatzend und schändliche Gräuel verübend durchzogen die Bauernhaufen Franken, Thüringen und die Harzgegend. Da schrieb Luther mit großer Entrüstung die Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Bauern“ und forderte alle rechtmäßige Obrigkeit auf, mit aller Gewalt den Aufruhr zu unterdrücken. Empörer dürfe man nicht schonen. Die thüringischen Bauernhaufen wurden am 15. Mai 1525 in der Schlacht bei Frankenhausen geschlagen und Münzer gefangen genommen und hingerichtet.

Das waren schwere Zeiten für das Evangelium und für den treuen Knecht Gottes, Martin Luther. Er selbst hatte von Eisleben aus mitten durch die rasenden Bauernhaufen reisen müssen, um an das Sterbebett seines Kurfürsten zu eilen, und hatte an verschiedenen Orten in Predigten zur Ruhe ermahnt. Den frommen und treuen Beschützer des Evangeliums, Friedrich den Weisen, traf er schon verstorben an und konnte ihm nur noch trauernd die Leichenrede halten. Am 5. Mai 1525 war er gestorben, am 9. Mai wurde er in der Schlosskirche in Wittenberg beigesetzt. Ihm folgte sein Bruder Johann der Beständige.

In diesen schweren Zeiten tat nun Luther einen folgenschweren Schritt, der die neue Ordnung der Dinge mächtig förderte, wenn er ihm auch zuerst viel Schmähungen eingebracht hat. Er trat in den Stand der Ehe ein.

 


Inhalt

Wie Martin Luther von Gott zum Reformator der Kirche vorbereitet wurde.
Elternhaus. Geburt. Jugenderziehung.
Eintritt in das Kloster in Erfurt.
Durchbruch zur evangelischen Heilserkenntnis und Übersiedlung nach Wittenberg.
Reise nach Rom. 1511.
Wie Martin Luther das Werk der Reformation begann.
Der Ablass. Tetzel. Die 95 Thesen.
Römische Nachstellungen. Cajetan. Miltitz.
Drei Zeugnisse vom Evangelium gegen Rom.
Im Bann des Papstes.
Der Reichstag zu Worms.
Wie Martin Luther die Reformation der Kirche in den rechten Bahnen erhielt und weiterführte.
Auf der Wartburg.
Die Schwärmer in Wittenberg und der Aufstand der Bauern.
Luther tritt in die Ehe ein.
Der Reichstag in Augsburg (1530) und Luther auf der Coburg.
Der Tag zu Schmalkalden, 1537.
Martin Luther als Lehrer und Vorbild.
Luther, der treue Untertan weltlicher Obrigkeit.
Luther, der Bibelübersetzer und Volksschriftsteller.
Luther, der Sänger und Liederdichter.
Luther, der Freund der Schule.
Luther, der Hausvater und Christ in Freud und Leid.
Wie Martin Luther selig in dem Herrn heim ging.

Quelle

Ernst Haack (1883)
Dr. Martin Luthers Leben und Wirken.
Motto: Gottes Wort und Luthers Lehr‘ vergehen nun und nimmermehr. Eine Preisschrift, gekrönt und herausgegeben zum 10. November 1883, dem 400 jährigen Geburtstag des großen Reformators, vom Evangelischen Preßverein in Schlesien.
Breslau, 1883. In Commission bei C. Dülfer
 
Gustav König (Bild um 1900)
Dr. Martin Luther der deutsche Reformator in bildlichen Darstellungen
Verlag von Keuther & Reichard, vermutlich um 1900
 

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